Warum die Debatte um Netzneutralität gut ist

Dr. Wolf Osthaus

Dr. Wolf Osthaus

Um die Netzneutralität wird aktuell eine sehr zugespitzte öffentliche Debatte geführt. Von den einen wird der Untergang des Internets, von anderen der Super-Stau im Netz an die Wand gemalt.

Dabei besteht bei etwas differenzierter Betrachtung in vielen Dingen Einigkeit: Keiner will eine Zensur, auch kein Netzbetreiber will für sich beanspruchen, willkürlich missliebige Inhalte auszusperren. Auf der anderen Seite wissen auch die Befürworter freier Netze, dass ohne Netzwerk-Management ein funktionierender Netzbetrieb nicht möglich ist.

Fakt ist, dass die Datenmengen im Netz rasant wachsen, dass immer neue datenintensive Dienste hinzukommen und dass die wachsende mobile Nutzung zu neuen Anforderungen führt. Im dezentral organisierten Internet, einem Netzwerk von ca. 30.000 separaten Netzen, wird es dabei immer Punkte geben, die zu Spitzenzeiten an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit kommen.

Gleichzeitig ist es aber auch so, dass die Leistungsfähigkeit der Netzwerktechnik beständig zunimmt; überdies sinken die Preise für die Netzwerktechnik kontinuierlich. So werden Engpässe auch in Zukunft ein temporäres Phänomen bleiben, dem schnell durch Aufrüstung begegnet wird.

Wie ist nun mit diesen Engpässen umzugehen? Fraglos reagieren verschiedene Dienste unterschiedlich sensibel auf Qualitätseinbußen. Was Internettelefonie oder auch manches Online-Game schon unmöglich macht, kann im Streaming noch durch Pufferung abgefangen werden. Und dass eine Email ein paar Sekunden später eintrifft, werden die Nutzer in der Regel nicht einmal merken.

Folglich kann es Sinn machen, zwischen verschiedenen Dienstetypen zu differenzieren, wenn – aber auch nur wenn! – es tatsächlich zu Engpässen im Netzwerk kommt. Besonders interessant wäre es, wenn es sogar gelänge, dem einzelnen Nutzer die Entscheidung darüber, welche Dienste denn zu priorisieren sind, zu überlassen.
Was aber nicht sein darf, ist, dass Engpässe erst künstlich geschaffen werden, in dem Bandbreiten für bestimmte Anwendungen reserviert werden und der Platz für das „best-effort-Internet“ ohne Not limitiert wird.

Wirklich problematisch wird es, wenn nicht mehr nach Diensteklassen, sondern nach Anbietern differenziert wird, etwa in Abhängigkeit von ihrer Zahlungsbereitschaft. Dann würde plötzlich die Herrschaft über den Zugang zum Endkunden zum Abkassieren genutzt und so die macht auf einer Wertschöpfungsstufe auf nachgelagerte Märkte übertragen. Hier öffnet sich die Tür für viele Missbräuche. Dies gilt insbesondere für vertikal integrierte Unternehmen, die auf beiden Märkten aktiv sind, wenn sie eigene Inhalte gegenüber Konkurrenzangeboten bevorzugen.

Die Qualität der Durchleitung von einer Zahlung abhängig zu machen, führt in der Folge zu einer Verkrustung bestehender Marktstrukturen: Starke Anbieter im Markt für Anwendungen und Inhalte können sich Zugang kaufen, ihre kleinen, nicht so leistungsstarken Wettbewerber nicht. Große Netzbetreiber haben die Verhandlungsmacht, für sich gute Konditionen durchzusetzen; kleine nicht. So leidet der Wettbewerb, und zwar auf Ebene der Anwendungsdienst und auf Ebene der Zugangsdienste. Es sinkt die Innovationsfähigkeit des Netzes, weil neue Produkte schlechtere Chancen haben, sich gegen etablierte Angebote durchzusetzen, auch wenn sie besser sind. Damit leidet am Ende auch der Nutzer, der Vielfalt und Wahlfreiheit einbüßt und nicht mehr darauf vertrauen kann, dass ein lebhafter Wettbewerb für Qualität und günstige Preise sorgt. Der Nutzer muss am Ende die Entscheidungshoheit haben und behalten, welche Dienste er in welcher Qualität nutzen möchte.

Und deshalb ist die aufflammende, zugespitzte Diskussion um die Netzneutralität gut und notwendig, weil sie die Sinne für mögliche Zukunftsentwicklungen und ihre Gefahren schärft. Allein die öffentliche Diskussion wird dazu führen, dass die eine oder andere hässliche Idee gar nicht erst realisiert wird. Aber auch der Gesetzgeber und die Regulierungsbehörde tun gut daran, für Strukturen zu sorgen, die es ihnen erlauben, wo nötig, schützend einzugreifen.

Dr. Wolf Osthaus

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3 Antworten to “Warum die Debatte um Netzneutralität gut ist”

  1. Tweets that mention Warum die Debatte um Netzneutralität gut ist « -- Topsy.com Says:

    [...] This post was mentioned on Twitter by Journalistin Berlin, open-enquete. open-enquete said: "Warum die Debatte um Netzneutralität gut ist" – Dr. Wolf Osthaus im Open-Enquete-Blog: http://bit.ly/fECDai #eidg #netzneutralität [...]

  2. Christian Tietgen Says:

    Wenn der Internetnutzer über die Netzneutralität entscheidet, so werden wir in Deutschland das Netz bald hoffnungslos überlasten. Datenstau und das Abreißen von Datenströmen wird an der Tagesordnung sein. Denn der Verbraucher wird immer den günstigsten Tarif wählen. Das hängt vor allem damit zusammen, weil die Belastungen in anderen Bereichen wie z.B. der Gesundheit in den letzten Jahren regelrecht explodiert sind. Irgendwo muss der Bürger sparen. Lohndumping und Lohnzurückhaltung sind weitere Gründe für die Bevorzugung von Billigtarifen. Und hier, in Punkto Netzneutralität, ist eine Stelle, in welcher der Nutzer sich sagt, dass er eben auch mal eine Minute warten kann, bis ein Video oder ein Hörbuch fertig übertragen ist. Der Ausbau des Netzes wird insgesamt ins Stocken geraten, weil das Geld einfach fehlen wird.

    Aus diesem Grund sollen Anbieter die Möglichkeit haben, zu entscheiden, wie schnell ihre Daten weitergeleitet werden. Kleine Unternehmen oder StartUps werden dabei nicht benachteiligt. Kleine Unternehmen haben eine kleine Menge an Daten die verschickt werden, große Unternehmen haben dann erhebliche Mehrkosten.

    Hat ein kleines Unternehmen oder ein StartUp Erfolg, kann auch neu in das eigene Unternehmen investiert werden.

    Ich habe bei der „echten“ Post auch die Möglichkeit, mein Paket „normal“ zu versenden, oder ich kann den Express-Versand nutzen. Und durch dieses Mehrtarifsystem haben wir keine „Zweiklassenpost“, oder?

    • Wolf Osthaus Says:

      Zunächst Dank für den konstruktive Kommentar.

      Was den Postvergleich angeht, muss man vielleicht fragen, wer die Kosten trägt und wer deshalb auch am Ende entscheidet, welche Versandart gewählt wird: Wenn ich Expresszustellung will, dann entscheidet darüber der Besteller der Ware – und er zahlt auch dafür. So funktioniert das System, ohne nachhaltig den Wettbewerb der verschiedenen Anbieter zu verzerren. Problematisch wird es, wenn der Zugang zu gleicher Qualität nicht für alle Anbieter eröffnet wird oder nicht erschwinglich bleibt.

      Dass keine Zahlungsbereitschaft der Verbraucher für unterschiedliche Qualitäten bzw. Nutzungsberechtigungen besteht, erscheint mir auch nicht zwingend. Systeme mit differenzierten Zugangsrechten kennen wir aus anderen Bereichen ja auch, etwa im Fitness-Studio. Verzichte ich hier auf das Recht zur Nutzung in der peak-Zeit, bekomme ich den Zugang billiger (und hier ginge es ja nicht mal um den Ausschluss, sondern nur um die Gefahr einer Depriorisierung); liegt mir genau an diesem Zugang, zahle ich dafür eben ein paar Euro mehr. Und eben das tun die Leute ja durchaus.

      Die entscheidende Frage ist, welches System eine effizientere, die Chancen des Internets besser wahrende Allokation der natürlich in bestimmten Situationen begrenzten Netzressourcen sicherstellen kann. Und genau hierüber sollte man eben offen diskutieren und nachdenken.

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