Sebastian Blumenthal: Medienkompetenz stärken!

Medienkompetenz stärken!

Im Einsetzungstext, den wir in der letzten Sitzungswoche im Deutschen Bundestag beschlossen haben, nimmt ein Punkt aus meiner Sicht eine besondere zentrale Rolle ein – die Medienkompetenz, in diesem Fall für den Bereich Neue Medien.

Oftmals wird dann in Onlineforen zu diesem Thema gelästert, den Schülern und Studenten müsse die Politik ganz sicher nichts über Medienkompetenz erklären, denn der tägliche Umgang mit dem Internet sei dort ganz selbstverständlich.
Diese Betrachtung berücksichtigt allerdings die eher technische Anwenderkompetenz, also das Verständnis davon, wie ich z.B. innerhalb eines social networks recht schnell Kontakte aufbaue und diese pflege, mein Profil durch eigene Bilder oder Grafiken/ Hintergründe modifiziere usw.

Die technische Anwenderkompetenz bedingt allerdings nicht, daß auch jeder Nutzer abschätzt, welche unbeabsichtigten Auswirkungen und Folgen sein Handeln im Netz hat, das Beispiel mit schlüpfrigen Party-Fotos, die einen Bewerber später bei einem Vorstellungstermin einholen, ist allen bekannt.

Medienkompetenz beinhaltet daher nicht allein die technische Fähigkeit zur Nutzung, Medienkompetenz sollte vielmehr die Voraussetzung schaffen, das Medium sowie die Inhalte den eigenen Zielen und Bedürfnissen entsprechend nutzen zu können.
Wichtig wäre mir dabei die Sensibilisierung der Nutzer dafür, daß sie für ihre eigenen persönlichen Daten auch eine eigene Verantwortung tragen und daß diese Verantwortung auch auf den Umgang mit Daten anderer Nutzer umfasst.
Je stärker dieses Bewusstsein ausgeprägt ist, desto weniger Angriffsfläche bieten die Nutzer dem Datenmissbrauch oder Datendiebstahl und damit vermeiden wir dann auch den Ruf nach starker staatlicher Regulierung und Kontrolle, um das für die Menschen zu tun, was diese besser für sich selbst tun könnten. Damit will ich den Nutzer im Netz nicht allein lassen, es gibt sicher auch Bedrohungen durch Cyber Kriminalität (gezielte Hacker Angriffe, Botnets u.a.), vor der sich nicht jeder selbst schützen kann, eine staatliche Strafverfolgung in diesen Fällen soll natürlich nicht in Abrede gestellt werden.

Welche persönlichen Daten besonders schützenswert sein sollen, das sollte am Ende der betreffende Nutzer selbst am besten wissen. Um diese Erkenntnis gewinnen zu können, ist natürlich das Wissen über Missbrauchmöglichkeiten und mögliche Konsequenzen notwendig – der Nutzer sollte also in der Lage sein, bewusst zu handeln und nicht einfach nur Tools und Features anzuwenden.

Eine konstruktiv-kritische Distanz zum Medium halte ich ebenfalls für wichtig. Oft ist nicht die am schnellsten aufgefundene Information die richtige und nur weil viele andere eine Meldung oder Information verbreiten, muss diese nicht korrekt sein – schnelle Verfügbarkeit und Weitergabe sind eben keine Garanten für Qualität und Integrität von Informationen.
Auch dieser Aspekt ist bei der Vermittlung von Medienkompetenz wichtig, damit wir in der Vielzahl der Möglichkeiten auch differenzieren und Informationen (z.B. Meinungen, Bewertungen usw.) hinterfragen.

Nun stellt sich die Frage, in welchem Rahmen diese Kompetenz vermittelt werden kann und welche Rahmenbedingungen die Politik dafür eigenständig oder in Kooperation mit Verbänden, Unternehmen und Institutionen schaffen kann – Vorschläge für diese Frage wird eine Aufgabe der Enquete sein. Es gibt verschiedene Ansätze, z.B. die Einführung eines speziellen Schulfachs in allen allgemeinbildenden und beruflichen Schulen oder die Integration des Themas Medienkompetenz als Querschnittsaufgabe in die einzelnen Schulfächer.
An einigen Schulen gibt es bereits spezielle Projekt-Tage, in denen Schüler, Eltern und Lehrer gemeinsam wirken und Projektaufgaben lösen, um sich dabei untereinander auszutauschen und Wissen zu ermitteln.

Was meint Ihr – wie sehen Eure Ansätze/ Erfahrungen/ Ideen aus?

Sebastian Blumenthal, MdB

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7 Antworten to “Sebastian Blumenthal: Medienkompetenz stärken!”

  1. sleeksorrow Says:

    „das Beispiel mit schlüpfrigen Party-Fotos, die einen Bewerber später bei einem Vorstellungstermin einholen, ist allen bekannt.“ – warum muß man es dann jemandem beibringen?

    Ich kann nicht sagen, ob sich die Jugendlichen der Sache nun bewußt sind, oder nicht, dazu bin ich schon zu lange aus diesem Alter raus, aber eins von beiden kann denn wohl nicht stimmen.🙂

    • Sebastian Blumenthal Says:

      „bekannt sein“ und daraus die richtigen Konsequenzen ziehen, stehen eben nicht immer im direkten Zusammenhang, ganz offensichtlich besteht noch Handlungsbedarf – vg

  2. Daniel Protzmann Says:

    „Wichtig wäre mir dabei die Sensibilisierung der Nutzer dafür, daß sie für ihre eigenen persönlichen Daten auch eine eigene Verantwortung tragen und daß diese Verantwortung auch auf den Umgang mit Daten anderer Nutzer umfasst.“

    Genau hier liegt der Punkt – viele Menschen nutzen zwar das Netz, haben aber keinen Schimmer davon, welche technischen Möglichkeiten es bietet, die auch gegen Sie gewendet werden können. Ich betreue als pädagogischer Mitarbeiter ab und an außerschulische Seminare. In letzter Zeit kommt gerade bei Schülern häufig das Thema der Social Networks auf, weil sich dorthin die üblichen Schulhof-Lästereien verlagern.

    Wenn man dann zeigt, was sich mit der Eingabe eines Namens in den einschlägigen Suchmaschinen herausfinden lässt (Profile in den Social Networks, E-Mail-Adressen, Wohnort, Freunde, Bilder usw.) ist die Überraschung sehr groß und das Überlegen setzt ein.

    Ein weiterer Punkt ist die Recherchefähigkeit: Eigentlich sollten Google und Wikipedia lediglich als Einstiegspunkt genommen werden. Aber selbst professionelle Journalisten verlassen sich viel zu oft auf den schnellen Blick ins Netz und vergessen die Maxime, zwei unabhängige Quellen zu finden.

    Einen Einstieg in der Schule finde ich fast schon zu spät – Kinder im Alter zwischen 3 und 13 Jahren haben laut der GfK 2009 durchschnittlich 85 Minuten Fernsehen geschaut. Deswegen sollte schon im Kindergarten mit der Medienerziehung begonnen werden, denn die Medienpädagogik ist in meinen Augen genau so wichtig wie die Verkehrserziehung. Ja – mir ist bewusst, dass die Kindergärten mit immer mehr Aufgaben belastet werden, aber im Zweifelsfall könnten das ja auch externe Stellen übernehmen, wie z.B. auch bei der Jugendverkehrsschule.

    Grundsätzlich ist Medienkompetenz aber eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe – eigentlich müssten die Eltern ihren Kindern das entsprechende Wissen vermitteln, losgelöst von spezifischen Angeboten. So wie man als Kind lernt, an einer Straße nach links und rechts zu schauen, sollten Kinder auch lernen, im Internet behutsam mit ihren Daten umzugehen. Das Problem ist hier aber, dass die meisten Eltern selbst nicht wissen, auf was sie achten sollten.

    Vielleicht würden wir einen großen Schritt nach vorne machen, wenn wir grundsätzliche Regeln definieren würden, die in allen vernetzten Angeboten eingehalten werden sollten. Wenn man wüsste, welche Aufgaben in diesem Bereich zu erfüllen sind, könnte man dann auch Akteure finden, die diese umsetzen sollen. Damit im Detail anzufangen, das führt an dieser Stelle doch zu weit…

    Viele Grüße

    Daniel

  3. Tim Beil Says:

    Bitte auch mal hier prüfen: http://webevangelisten.de/was-ist-medienkompetenz/

  4. Daniel Schultz Says:

    Das Beispiel mit den Partyfotos wird oft bemüht, doch stellt sich die Frage, ob es überhaupt ein dauerhaftes Problem darstellt. Passende Mitarbeiter zu finden wird für die Unternehmen nicht nur aus demographischen Gründen immer schwerer, sondern auch die zunehmende Spezialisierung der Tätigkeiten schränkt die Zahl potentieller Bewerber ein. Warum also sollte ein Unternehmen nun peinliche Partyfotos als zusätzliches Ausschlusskriterium heranziehen, wenn das Profil ansonsten passt? Und wenn eine ganze Generation heranwächst, von der peinliche Partyfotos existieren, müssen die Unternehmen schlicht umdenken, falls sie überleben wollen. Personaler, die sich über Partyfotos ihrer Bewerber Gedanken machen, sollten vielleicht mal überlegen, ob nicht ein Klassenkamerad vor 20 Jahren Dias gemacht hat, auf denen sie in peinlicher Situation zu bewundern sind. Vielleicht kommt der Klassenkamerad ja auch auf die Idee, die Dias zu digitalisieren und bei flickr.com hochzuladen. Dass man damit irgendwie Persönlichkeitsrechte verletzten kann und die Bilder mittels Gesichtserkennung anderen Bildern, etwa dem Bild des Personaler auf der Firmenwebseite, zugeordnet werden können, wissen ja gerade ältere seltener.

    Andererseits stellt sich die Frage, ob Unternehmen sich damit nicht selbst in Schwierigkeiten bringen. Angenommen der Personaler engagiert für die Recherche in den sozialen Netzwerken einen Praktikant, dem wider besseren Wissens eine Festanstellung versprochen wird. Was sollte den Praktikanten nach seiner Enttäuschung daran hindern, das Unternehmen, wegen Verletzung der Nutzungsbedingungen (StudiVZ verbietet etwa eine gewerbliche Nutzung der Daten), anzuschwärzen?

    Umfrage zum Thema:

    http://www.zeit.de/karriere/bewerbung/2010-02/datenschutz-bewerbungen-google?page=all

  5. Lars Fischer Says:

    „das Beispiel mit schlüpfrigen Party-Fotos, die einen Bewerber später bei einem Vorstellungstermin einholen, ist allen bekannt“

    Es ist inzwischen vor allem dadurch bekannt, dass es ziemlicher Blödsinn ist, wie dir jeder Personaler bestätigen wird. Womit wir beim Punkt sind: Wer anderen Leuten Medienkompetenz vermitteln will, sollte zuerst einmal eine konstruktiv-kritische Distanz zu all dem Bullshit haben, der da so kolportiert wird, und da hat sich die Politik als solche bisher nicht ausgezeichtet.

    Beim gegenwärtigen Stand der Dinge denke ich, dass jemand, der das Internet völlig unbeleckt selbst erforscht, wesentlich besser dasteht als jemand der von Staat oder Medien „aufgeklärt“ wird.

    • Sebastian Blumenthal Says:

      Das Beispiel war vielleicht nicht das beste – aber vielleicht hast Du ja auch den Rest des Artikels gelesen. Es geht grundsätzlich darum, dass bei den Nutzern der Umgang mit eigenen und/ oder fremden Daten bewusst stattfindet und mögliche Konsequenzen bedacht werden. Für den konstruktiv-kritischen Umgang habe ich ebenfalls geschrieben, da liegen wir nicht weit auseinander. Eigenes Erforschen und die Vermittlung von Kompetenz schließen sich auch nicht aus, im Gegenteil.
      Versäumnisse der Politik in der Vergangenheit sehe ich ebenfalls, nicht zuletzt aufgrund eigenen Unwissens in diesem Themenfeld – aber genau das wollen wir jetzt ja ändern und dafür gibt es eine Reihe von neuen Abgeordneten in den Fraktionen – vg

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